Sommerton-Festival 2018

Sommerton-Festival 2018

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Neues Album von Amira Medunjanin

Wir freuen uns sehr, am 28. August die bosnische Sängerin Amira Medunjanin beim Sommerton Festival auf Schloss Diersfordt  begrüßen zu dürfen. Medunjanin ist in ihrer Heimat ein gefeierter Star und wird von einem großen Publikum verehrt. Das Bild zeigt sie und ihre Gruppe bei einem ihrer Konzerte vor vollem Haus in Belgrad.

Amira Medunjanin und Gruppe auf der Bühne  in Belgrad

 


 

amira-medunjanin_silk-and-stoneDas jüngste Album der Sängerin trägt den Titel „Silk and Stone“.
(Hier ein Ausschnitt auf YouTube)

Die Bedeutung dieser Metaphorik beschreibt der Plattentext, welcher das Wesen traditioneller Sevdah sowie ihrer zeitgenössischen Deutung durch Amira Medunjanin profund ausleuchtet.

Boris Dezulovic zu Amira Medunjanins neuem Album »Silk and Stone«:

Vor vielen Jahren, im Gedächtnis des Volkes, wurden die Sevdah Lieder ausschließlich vom Saz (Langhals-Laute des Balkans) begleitet. Sanft und leise, oder „sotto voce“, wie die Bewohner Dalmatiens sagen würden. Zu dieser Zeit waren solche Auftritte Männersache:
der Sänger und das Saz beschworen mit ihren Sevdahs eine tiefe Stille in den Straßen, der Stadt und dem Universum, damit die Sevdah von der Angesprochenen gehört werden konnte. Frauen lebten in den Versen der Sevdalinkas oder hinter verschlossenen Fensterläden.

Natürlich sangen sie auch, es gibt zahlreiche weibliche Sevdalinka Songs, aber ihre Sevdah war Privatsache. Frauen sangen im begrenzten Raum ihres Heims, im eigenen Universum hinter geschlossenen Fenstern. Die Verse weiblicher Sevdah richteten sich auch an Männer – selbst wenn das Lied eigentlich aus einem Gespräch mit der Mutter entstand – dennoch konnten die betreffenden Männer es nicht hören, sollten es nicht hören, durften es oft gar nicht hören.
Daher sangen Frauen ohne die Begleitung des Saz: ihre Sevdahs wandten sich nicht an Zuhörer.
Die Sevdah einer Frau ist ihre Einsamkeit und ihr Schweigen – und es gibt kein größeres Universum in der physischen Welt als das Schweigen einer Frau.
Weibliche Sevdahs folgen also der bekannten Form, doch präsentieren sie tatsächlich ein völlig anderes Genre, verglichen mit der männlichen Version. In männlicher Sevdah ist die Frau im Lied, in weiblicher Sevdah ist das Lied in der Frau: Liebesbriefe, die für immer in der Schublade verschwinden, an den gewandt, der sie irgendwann finden mag.

Amira Medunjanin entdeckte eine Schatztruhe solcher Briefe, geschrieben in allen Variationen dieser Sprache: Sejdefa von Montenegro, Elena und Milica von Mazedonien, Jadranka von Sarajevo und „Das teuflische Mädchen“ von Vranje sowie das „Sklavenmädchen des Paschas“, das mit zwei Ladungen Gold flieht und „Das unglückliche Mädchen von Koprivnicki Ivanec“, das erfuhr, dass ihr Geliebter in Koprivnica heiraten würde, und die sein Hochzeitsgeschenk neun Monate trug… .
Geografisch gehören diese Lieder nicht alle zur Sevdah, ihre Handschrift jedoch ist identisch. Sie entspringen der gleichen Stille, die jedes Lied einer Frau zu Sevdah macht.

Amira verwandelte sogar männliche Sevdahs in weibliche Schätze: „Kradem ti se u veceri“ („Sich in den Abend hinausschleichen“) ist z.B. nicht nur deshalb ursprünglich ein männliches Lied, weil die Stimme Allah bittet, „ihr“ einen anderen Geliebten zu senden, noch wird es nur dadurch zum Lied einer Frau, weil die Gesangsstimme Allah bittet, „ihm“ eine andere Geliebte zu senden; es wird durch Amiras Stimme und durch ihr Schweigen zum Lied einer Frau – der gleichen Stille, aus der heraus eine Frau den Geliebten bittet, sie zu sehen „sobald der frühe Abend (aksam) sich senkt“ – die einzige Zeile, die bewusst ohne Musik gesungen wird: die Art von Schweigen, die es einer Frau ermöglicht, sich in ihren geliebten frühen Abend hinauszuschleichen.

Jenseits der Seide in Amiras Stimme kann man anderen Lauten begegnen, wie z.B. dem Geräusch kleiner Steine auf einem glatten Pflaster. Bojan am Piano, Nenad und Stjepan am Bass, Hakan am Kanun (orientalische Kasten-Zither), Yourdal am Oud (orientalische Kurzhals-Laute) und Bosko an der Gitarre sind nur dazu da, das Schweigen der Frau auszuschmücken. Wenngleich sie ungesehen bleiben, geben sie der Seide ihre Form. Es ist kaum möglich, mit einem Instrument mehr zu erreichen.
Kein Zufall, dass die Steine unter der Seide männlich sind und dass alle männlichen Finger Amiras Schweigen durchlaufen. Das geschieht absichtslos – es ist einfach so: alle Klänge in weiblicher Stille waren die der Männer.
So liest uns Amira verwischte alte Briefe vor, geschrieben von „Sejdefa, Elena, Milica, Jadranka, dem teuflischen Mädchen, dem Sklavenmädchen des Pascha, dem unglücklichen Mädchen von Koprivnicki Ivanec“ und ihren unbekannten, lange verschwundenen Schwestern.

Nichts in der Gegenwart ähnelt ihren vergangenen Tagen, nur das endlose Schweigen der Frau bleibt, bei genauem Hinhören, das Selbe. Dies ist nicht die Stille nach dem Verklingen der Stimmen, dies sind die Stimmen selbst.

(Übersetzung aus dem Englischen: Angelika Patt)