Sommerton-Festival 2018

Sommerton-Festival 2018

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Michalis Kouloumis

Eine der eindrucksvollsten CD-Einspielungen der letzten Jahre im Bereich der Musikkulturen stammt von Michalis Kouloumis. Man hätte es erwarten können, weil Kouloumis im Ensemble der Sängerin Cigdem Aslan seit Jahren als Solist herausragt.

„Soil“, so der Titel seines Debuts, ist eine ästhetisch reizvolle, neue Herangehensweise an traditionelle zypriotische Musik, verbunden mit Improvisationen (taksims) und ausgefeilten Soundscapes.

Die Aufnahme wurde von der internationalen Presse hochgelobt. Jamie Renton schrieb im „fRoots Magazin“: „Ich kann mich nur an wenige Veröffentlichungen erinnern, die mich durchgehend beim Anhören so gefesselt haben.“

Michalis Kouloumis stammt aus einer musikalischen Familie von der Insel Zypern.

Schon in seinen frühen Jahren fiel er durch seine musikalische Sensibilität auf. Heute ist er einer der wichtigsten „Weltmusik-Violinisten“, der sich auf traditionelle griechische und zyprische und die klassische osmanische Musik spezialisiert hat.

Er ist international anerkannt für seine Improvisationskunst und die Verwendung spezieller Techniken, wie z.b. das „diplochordo“  in seinem Spiel.
Kouloumis lebt in London, ist Dozent an der Hochschule in Rotterdam und gibt neben Konzerten europaweit Violinen-Workshops.

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Anlässlich eines Auftritts in London gab Kouloumis zusammen mit den Brüdern Nikos und Thodoris Ziarkas, mit denen zusammen er sein Trio bildet, ein Interview, das wir hier in Auszügen ins Deutsche übersetzt haben und das einige Aspekte der Musik, die er mit seinem Quartett am 26. August bei unserem Festival spielen wird, erläutert.

Wann habt Ihr Euch zum ersten Mal getroffen? Wie kam es zu der jetzigen Instrumentierung?

Michalis Kouloumis :

Wir trafen uns in London bei einem Musik-Event, die Band arbeitet jetzt professionell seit Dezember 2014. Wir wollten die Zahl der Instrumente so gering wie möglich halten. Jeder sollte die Chance haben, bei dieser Musik zu improvisieren – auch bei den neuen Kompositionen. Ich könnte mehr Instrumente verwenden, wenn ich wollte, weil Nikos auch Gitarre spielt. Er nutzt auch Elektronik. Thodoris spielt auch die Karpathian Lyra sehr gut, aber für mich war es hier passender, eine minimale Menge an Instrumenten zu verwenden, also die Violine, die kretische Laute und den Kontrabass, damit wir unseren eigenen Sound bekommen.
Euer Programm bietet Originalkompositionen, traditionelles Material und Stücke von verschiedenen Komponisten, darunter eines von Michalis Lehrer, Kudsi Ergüner. Hatte er großen Einfluss auf Dich?  

Michalis Kouloumis:

Kudsi Ergüner lebt seit vielen Jahren in Paris, aber er stammt aus der Türkei und ist dort ein sehr prominenter Musiker. Er spielt die Ney – die Rohrflöte. Ich hatte ihn als Lehrer auf der Universität in Rotterdam und er beeinflusst mich sehr. Ich gebe ihm etwas zurück, wenn ich seine Kompositionen spiele. Ich liebe seine Musik.

Im Repertoire findet sich auch ein Stück des irischen Musiker Ross Daly, der einen großen Einfluss auf kretische Musiker hatte.

Michalis Kouloumis:

Ja, das ist wahr, Ross Daly lebt auf Kreta. In seinem Stück  ‘Earpigon’ finden sich Elemente der kretischen Musik wie Syrtor, eine Tanzform, auch andere Bestandteile der Musik aus verschiedenen Teilen Griechenlands. Ross Daly war ebenfalls für uns ein wichtiger Lehrer und bei unseren Auftritten zahlen wir ihm Tribut.

Nikos Ziarkas:

Ich kenne ihn persönlich seit Jahren und hörte seine Musik schon als Kind. Es gibt ein Musikdorf auf Kreta, das sich Houdetsi nennt, er hat dort eine Schule. Viele interessante Musiker geben dort Master-Klassen. Ich traf Ross Dayly dort und wir spielten tatsächlich auch ein gemeinsames Konzert – eine erstaunliche Erfahrung! Er ist ein großartiger Musiker.

Euer Trio spielt aber hauptsächlich eigene Kompositionen.

Michalis Kouloumis:

Es sind meine Kompositionen, ein Stück haben wir gemeinsam in den Proben entwickelt.

Hast Du auch eine klassisch Ausbildung?

Michalis Kouloumis:

Ich habe in Zypern die westliche klassische Musik sechs Jahre studiert – auf die harte Tour; die russische Schule. Mein Lehrer stammte vom Konservatorium der Universität Moskau. Er war sehr diszipliniert und das hatte zur Folge, dass auch ich in meiner Arbeit sehr diszipliniert bin, sehr viel übe und probe.

Michalis, Du hast einen einzigartigen Sound in deinem Violinspiel. Dein Ton ist weich, Du spielst mit aufwendigen Verzierungen. Dabei benutzt Du auch interessante Techniken, zB. aus der Türkei. Wie sehr ist Dein Stil durch Volkstraditionen beeinflusst?

Michalis Kouloumis:

Es ist eine komplexe Sache, weil mein Vater mein erster Lehrer war. Er ist immer noch ein professioneller Musiker – Autodidakt – er spielt traditionelle Musik, vor allem aus Zypern und den griechischen Inseln. Dies ist sein musikalischer Fokus. Auch er war sehr streng. Er wusste, ich würde auch Musiker werden und hat mir von Anfang an gesagt: Hör Dir all die großen anderen Musiker an, hör Dir an, wie jeder von ihnen die Musik interpretiert. Wenn man das Glück hatte, als Kind einen solchen Lehrer zuhause zu haben, dann ist sehr hilfreich.

Die beiden Ziarkas Brüder hatten eine andere Art von Ausbildung.

Nikos Ziarkas:

Auch ich habe eine klassische Ausbildung, habe viel Theorie studiert – Harmonielehre und so weiter, und ich studierte Jazz. Die kretische Laute spiele ich seit meinem achten Lebensjahr. Das war das erste Instrument, das ich gelernt habe. Unsere Eltern sind keine Musiker, aber wir haben auch einen musikalischen Bruder, alle Geschwister sind musikalisch. Auf der Insel Rhodos , wo meine Mutter herkommt, spielen sie überall traditionell viel Musik. Man geht in das Dorf, trifft sich im Café und spielt dort. Auch das hat eine Menge dazu beigetragen, warum wir angefangen haben, selber zu spielen.

Thodoris Ziarkas:

Wir sind auf jeden Fall professionelle Musiker, aber auf dem Dorf ist das anders, weil die Musiker dort auch noch etwas anderes zu tun haben, als nur zum Coffee-Shop zu gehen, z.B wenn sie Metzger sind. Sie lernen bei den Treffen, ihr Instrument zu spielen, es ist wie in jeder anderen Art von Volksmusik.

Michalis Kouloumis:

Mein Vater spielt viele Instrumente, die er sich alle selbst beigebracht hat. Er singt die traditionelle Musik aus Zypern und der Ägäis sehr authentisch. Er spielt die Laute, aber nicht die kretische. Diese Laute ist etwas kleiner und sowohl das Tuning als auch das Repertoire sind unterschiedlich.
Mein Vater spielt auch Akkordeon, Klavier, ein bisschen Geige. So wie sein eigener Vater – mein Großvater. Auch meine Großmutter war ein erstaunliches Talent. Ihr Bruder wiederum war einer der größten Namen auf der Violine in Zypern.
Man kann heute noch auf YouTube Stücke von ihm hören. Auf meinem Solo-Album „Soil“ habe einige seiner Stücke gespielt. Ich habe eine alte Tonaufnahme von ihm eingebaut, die vor vielen Jahren aufgenommen wurde.

Auch mein Bruder ist ein beeindruckender Sänger und Lautenspieler. Meine Tante ebenfalls. Das musikalische Talent hat bei uns Tradition!  Bei Festen und Familienfeiern ist jeder in der Lage, in perfekter Tonlage zu singen! So wuchs ich mit klassischer Musik und Volksmusik zugleich auf.

Thodoris Ziarkas:

Die lokalen Traditionen in Zypern und Griechenland sind sehr unterschiedlich. Man geht zwei Kilometer die Straße hinunter und hört andere Sprachen und verschiedene Spielstile. Jeder singt und improvisiert Texte, das ist ein wichtiger Teil jeder Feier. Und danach wird getanzt. Ich denke, die Musik hat für die Menschen etwas Elementares.
Es gibt die Band jetzt seit fast einem Jahr. Habt Ihr vor, ein Album zu machen?

Nikos Ziarkas:

Ja! Wir haben zwei Video-Clips aufgenommen, die wir im September veröffentlichen. Wir spielten bei Jamboree [in der Londoner Cable Street] und die Show wurde live aufgenommen und gefilmt. Wir haben auch schon drei Studio-Tracks im Kasten, so dass wir auf jeden Fall Pläne für ein Album schmieden.

Wie wird Eure Musik in Zypern und Griechenland aufgenommen, gibt es einen spürbaren “London” Sound bei Euch?

Nikos Ziarkas:

Wir haben in Europa noch nicht gespielt, aber wir kennen eine Menge Leute, die die Musik gehört haben. Es ist eine interessante Frage. Unser Ansatz ist schon anders. Wenn wir zur Probe kommen, gibt es nur Rohmaterial. Es gibt keine Vorgabe: “wir werden oder müssen es so und so spielen”. Es ist offener. Jeder bringt seine eigenen Ideen mit, es ist mehr organisch.

Michalis Kouloumis:

Ich denke, was sich ändert, ist der Kontext. Die Musik selbst ist organisch – sie ist formbar – nicht fest. Sie zerbricht nicht am Kontext!

Es ist aber etwas anderes ob man z.B. in einer Halle wie dem Barbican diese Musik spielt oder in Kreta.

Man muss sich auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Raum einstellen. Wenn man zu einem Fest auf Kreta geht, muss die Musik ursprünglich und „primitiv“ sein, man muss für die Menschen spielen, die tanzen und auf die Tische hämmern. Es ist ganz anders.

Ihr stellt Eure Musik also bewusst auf das Publikum ab?

Michalis Kouloumis:

Nein, nein. Wir tun es nicht absichtlich, aber es passiert. In einem traditionellen Ambiente gibt es vielleicht weniger Unterschied zwischen den Musikern und dem Publikum.
Ich spiele deshalb lieber in kleinen Hallen, weil es in größeren wie dem Barbican oder der Southbank schwieriger ist, sich mit dem Publikum zu verbinden. Die wirklich spannenden Sachen bei diesen Gelegenheiten geschehen, wenn alle gemeinsam die Kreativität und die Improvisation zulassen. Das ist schwierig, aber wenn es passiert, ist es toll!

Am Freitag, 26. August, ist Michalis Kouloumis mit seinem Quartett bei uns zu Gast.

Als kleiner Vorgeschmack hier ein Stück aus seiner Debut-CD “Soil”:

https://www.youtube.com/watch?v=JFKxyZguW2M

sowie ein Video des Michalis Kouloumis Trio – Harmandalis (violin taksim)

https://www.youtube.com/watch?v=3QE2pS2-DS8

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