Sommerton-Festival 2018

Sommerton-Festival 2018

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Folk-Mystikerin Maarja Nuut im Interview

Eine heisere Frauenstimme summt eine Volksmelodie in einem Rhythmus, den man nicht sofort zählen kann. Eine Kopie der Stimme durchwebt sie im Kanon. Eine dritte Schicht beginnt zu summen. Für dein geistiges Auge leuchten grüne Felder in Nächten, die nicht dunkel werden, oder Wälder, in denen Elfen und Faune logische Phänomene sind.
Dies ist die Welt der 32-jährigen estnischen Künstlerin Maarja Nuut. Man könnte sie Sängerin oder Geigerin oder Sprecherin nennen.

In ihren Liedern kombiniert Maarja Nuut Gesang und Violine mit traditionellen Tanzmelodien, alten estnischen Volksmärchen und Elektronik. Manchmal arbeitet sie mit anderen Musikern zusammen, aber nicht bei „ Une Meeles“, dem Soloprogramm, das sie beim Sonmerton-Festival spielen wird. „Une Meeles bedeutet ‚im Griff eines Traums'“ und Maarja Nuut beschreibt es so: „Es geht um die Geschichten, die ich erzähle, alte, sehr raffinierte Geschichten über das Leben, die Liebe und den Tod.“

Maarja Nuuts Kunst passt zu mehr als nur einem musikalischen Genre. Auftritte bei klassischen Musikfestivals sind für sie keine Seltenheit, aber sie tritt genauso bei Pop- oder Weltmusik-Events und Jazz-Festivals auf. „Was mir auffällt, ist der Unterschied in der Zuhörhaltung“, sagt sie.. „Das klassische Publikum ist es gewohnt, konzentriert zuzuhören. Und obwohl meine eigenen musikalischen Wurzeln anderswo sind, braucht meine Musik auch diese Aufmerksamkeit. Ruhe und Achtsamkeit für Details sind wichtige Komponenten. “

 
Volksmusik ist hip in Estland!

 

Maarja Nuut wuchs in einer musikalischen Familie auf: ihre Mutter war Chorleiterin, mit 7 Jahren erhält sie Violinenunterricht. „Ich habe erst klassischen Unterricht bekommen, aber ab dem Alter von 15 Jahren habe ich angefangen, andere Musik zu spielen“, sagt sie. „Nach dem Konservatorium ging ich für ein Jahr nach New Delhi, um dort zu studieren. Danach war mir klar: Ich werde keine klassische westliche Musikerin mehr.“

„Es gibt ein großes Revival der Volksmusik momentan in Estland“, erzählt Nuut,“Viele Musiker spielen heute alte Volksmusik auf völlig moderne Weise, oft für ein sehr junges Publikum.“

Maarja Nuuts eigene Faszination für diese Musik liegt lange zurück. In ihrer Studienzeit stieß sie auf Archivaufnahmen estnischer Volksmusik aus den zwanziger und dreißiger Jahren. „Ich war skeptisch. Estnische traditionelle Musik, kann das so interessant wie indische Musik sein? Aber von dem Moment an, als ich einen traditionellen estnischen Geigenspieler hörte, war ich gefangen. Dieser Klang hatte nichts mit dem zu tun, was ich als estnische Volksmusik kannte: es klang seltsam und natürlich zugleich.“

Seitdem forscht Nuut „manisch“ nach alten Aufnahmen. „Ich wollte wirklich verstehen, was ich gehört habe. Auf der Oberfläche ist alles sehr minimalistisch: kurze Sätze von vier Noten, die sich wiederholen, und dennoch sind sie nicht das Gleiche. Alles dreht sich um Artikulation, um Details, um Akzente und das gilt auch für die Art und Weise, in der die Menschen sangen – sehr reich an Mikrotönen. So klingt diese Musik trotz der Wiederholungen äußerst lebhaft. Und dann sind da noch die großen regionalen Unterschiede. Wir Esten haben eine Tradition des Rockens und lieben lokale Swing-Songs. In Südestland gibt es viele Hügel, dort gibt man den Liedern einen schnellen Rhythmus. In Nordestland finden sich weniger Wälder und die Musik hat einen langsameren Puls.“

Nuut verwendet traditionelle Texte für ihre Lieder, die manchmal älter als 1000 Jahre sind, aber ihre Musik ist eigenständig und unverwechselbar – obwohl sie stark von ihrer Erforschung der alten Volksmusik beeinflusst ist. Charakteristisch für die Musik von Maarja Nuut ist die Verwendung von Loops: aufgezeichnete Wiederholungen, die sich mit Live-Vocals mischen – was erstaunlicherweise nach sehr natürlicher „Volksmusik“ klingt.

„(…) ein bisschen wie indische Volksmusik“

„Meine ursprüngliche Idee war, dass Wiederholungen ein authentisches Phänomen sind und dass sie auch so klingen würden“, erläutert Nuut. „Aber gleichzeitig hatte ich auch Angst davor. Einfach nur Wiederholungen zu mischen ist sehr primitiv und es wird der vielfarbigen Natur der alten Sänger und Spieler, denen ich zugehört habe, nicht gerecht. Also entwickelte ich ein System, um rhythmische Muster übereinander spielen, ein bisschen wie indische Volksmusik. Aufgrund der auftretenden Verschiebungen erhalten die Songs dann unterschiedliche rhythmische Akzente. Das Ganze ist zwar ziemlich mathematisch, aber zum Glück hört es sich nicht so an. Die Aufmerksamkeit des Zuhörers sollte nicht auf die Technik, sondern auf die Geschichten, die ich erzähle, eingehen: uralt aber zeitlos, in der Bildsprache sehr ausgefeilte Geschichten über das Leben, die Liebe und den Tod.“

Und Geschichten, die in ihrer Moral auch doppeldeutig sein können, lacht sie. „Man kann keine reinen Helden und ungeschlachten Schurken finden, alles ist ambivalent und in diesem Sinne sehr real. Ich mag das. Und es scheint in unserer Zeit auch sehr wichtig zu sein, denn der allgegenwärtige Überfluss an Informationen scheint uns fast dazu zu zwingen, alles zu vereinfachen. Und durch diese Vereinfachung entsteht die ständige Gefahr zur Verurteilung der Vision eines anderen. Die einzige Möglichkeit, die Welt zu verbessern, besteht stattdessen darin, offen und verletzlich zu bleiben und bereit zu sein, alle Standpunkte ständig neu zu kalibrieren.“

(Das Interview wurde anläßlich des Auftritts von Maarja Nuut beim klassischen Wonderfeel-Festival in den Niederlanden im Juli 2018 geführt)

Videos

Maarja Nuut ‚ÕDANGULE‘
https://www.youtube.com/watch?v=J8X9iVmTdUI

Maarja Nuut „Hobusemäng“
https://www.youtube.com/watch?v=4lAu3OfsxAk